Blättertanz

wie eine Lithographie entsteht

Alle Jahre wieder versendet die Opacc ihren Kunden Weihnachtskarten. Es verlangt eine grosse Organisation, damit jeder Mitarbeiter die Karten für seine Kunden persönlich unterschreiben kann. Schon seit Jahren, liegt diese Verantwortung beim 1.-Lehrjahr Lernenden, welcher die über 1‘000 Karten zu verwalten und den entsprechenden Mitarbeitern auszuteilen hat. Seit 17 Jahren fertigt unser ehemaliger Mitarbeiter Joe Koller die Weihnachtskarten an. Bis vor kurzem konnten wir uns nicht viel unter der Entstehungsprozedur vorstellen. Die Karten werden uns jeweils Anfang November zugestellt. Doch wie kommt es überhaupt soweit? Dieser Frage gingen wir, Linus Niederer, Jan Kamer und Luca Nicolussi nach.  Es war sehr beeindruckend, mit wie viel Feingefühl und Leidenschaft Joe Koller diese Karten entwirft und produziert.

An zwei Freitag-Nachmittagen konnten wir Joe Koller zuhause in seinem Atelier besuchen gehen. In einem kleinen stillen Raum, ausgestattet mit einem grossen Bürotisch, einer Handdruckpresse und einer Ablagefläche für seine Druckexemplare, setzt er all seine Ideen um. Für die diesjährigen Weihnachtskarten wählte er das Thema «Blättertanz». Wie bei den meisten kreativen Arbeiten, ist es auch hier die zeitaufwändigsten und schwierigsten Aufgabe, eine Idee zu haben, die einem auch richtig gefällt. Wenn er dann ein Ziel vor Augen hat, geht es an das Planen, Ausprobieren und Erstellen von Entwürfen.

Koller druckt die Karten im Hochdruck-Verfahren. Beim Hochdruck werden schlussendlich nur die hervorstehenden Konturen und Flächen von der Platte abgedruckt. Für jede benötigte Farbe braucht es eine Druckplatte, eine Holzplatte mit einer aufgeklebten Linolplatte darauf. Für die diesjährigen Karten beanspruchte er die Farben Magenta, Gelb und Blau, somit musste er drei Druckplatten herstellen. Mit feinstem Werkzeug schneidet er aus den Linolplatten die Hohlräume raus, welche nicht abgedruckt werden dürfen. Dieser Arbeitsschritt verlangt  enorm viel Konzentration und natürlich ruhige Hände. Erst durch eine Lupe sieht man, wie genau er hier arbeiten muss. Ein kleiner Fehler kann dazu führen, dass man das Wunschergebnis abändern oder sogar die Platte wegwerfen muss. Joe Koller benötigt für eine einzige  Platte manchmal mehrere Tage. Dadurch, dass unsere Weihnachtskarte von diesem Jahr sehr viele kleine Konturen besitzt, ist es die aufwändigste von den bisherigen.

Sind dann die Platten alle gelungen, kommt endlich die Farbe ins Spiel. Anders als beim Erstellen der Druckplatten, geht er hier statt hochpräzise eher kreativ, mit Gefühl und Erfahrung ran. Man muss viele Faktoren beachten, welche sich auf das Erscheinungsbild der Farbe wirken. Zum einen die Farbmenge zum anderen die Farbdichte, aber auch die Reihenfolge der aufgetragenen Farbe kann das Resultat vollkommen verändern. Dutzende Male färbt Koller die Platten ein und druckt diese auf Büttenpapier. Mal weniger, Mal mehr Dichte, die Farbmenge ändert er auch jeweils nach 10 Drucken. Und wenn man dann denkt, es sieht schon perfekt aus, ändert er nach 50 Entwürfen nochmals die Reihenfolge der Farben. Bei jedem Exemplar notiert er sich auf der Rückseite die Farbmenge, Farbdichte und das aktuelle Datum. Er vergleicht die Entwürfe und entscheidet sich dann, wenn er ganz sicher ist, vielleicht erst eine Woche später, für den Einen.

Kleinere Auflagemengen druckt Joe Koller, wie auch die Entwürfe, in seinem Atelier. Doch nachdem er vor zwei Jahren die Opacc-Weihnachtskarten bei sich zuhause bei knapp 40 Grad mit der Handdruckpresse gedruckt hatte und nicht nur er sondern auch die Farben fast verliefen, entschied er sich, solche Mengen mit einer grösseren, effektiveren Maschine zu drucken. Diese befindet sich im Buchdruckmuseum Graphos in Uster. Dort druckt Joe die Karten mit Hilfe von Arthur Fischer und Felix Brücker. Wir konnten sie am zweiten Arbeitstag besuchen, als die zweite Farbe (Gelb) gedruckt wurde.

Mit einer ca. 60 jährigen original Heidelberg Zylinderdruckpresse wurden die Karten gedruckt. Dadurch dass die Maschine vollkommen mechanisch druckt, ist der Vorgang viel aufwändiger als mit den heutigen Druckmaschinen. Die damalige Buchdrucklehre, ist mit der heutigen Technik auch nicht mehr vorstellbar. Dennoch ist die Farbechtheit und die Einzigartigkeit jedes Exemplars Grund genug, mit dieser alten Druckmaschine zu arbeiten. Natürlich spielen auch die Leidenschaft, der Reiz und der Spass an der Arbeit eine grosse Rolle.

Als dann die Farbe richtig aufgefüllt und die Maschine nach einigen Testexemplaren, richtig eingestellt war, konnten wir loslegen mit dem Druck. Mit einer erstaunlich hohen Kapazität druckte die überaus laute Heidelberg Druckmaschine Exemplar für Exemplar. Joe kontrollierte geschätzt jedes 10. Exemplar auf Fehler, denn nur die kleinste Verschiebung der Platte oder der Papiere kann Auswirkungen auf das Resultat haben. Zur selben Zeit bereitete Felix Brücker bereits die Farbe Blau für die Dritte und somit letzte Druckplatte vor. Bevor jedoch die nächste Farbe gedruckt werden kann, muss die Maschine ordentlich geputzt werden, damit keine Farbspuren übrig bleiben oder die Farben sich vermischen. Zudem kommt noch, dass die gedruckte Farbe zuerst noch trocknen muss.

Nachdem die Farbe getrocknet war, fingen sie mit dem Druck der Blauen Farbe an. Es dauerte einige Zeit, bis die Zweifachbedruckten Papiere passend gerichtet waren. Mit der Lupe auf den Testdrucken entschied Joe Koller jeweils ob man sie noch nach rechts oder links verschieben müsse.

Zusammen mit der dritten Farbe waren die Karten fertig gedruckt. Das Resultat lässt sich wirklich zeigen. Erst wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man wie exakt von Hand gearbeitet wurde. Zum Abschluss reisst er noch alle Ränder für die gewünschte Grösse der Karten. Das Signieren jeder einzelnen der über 1000 Karten sieht Joe Koller dann als der dankbarste Arbeitsschritt. Wer würde schon nicht gerne seinen Namen unter dieses Kunstwerk schreiben wollen.

Jetzt wo wir die ganze Entstehungsgeschichte der Opacc-Weihnachtskarten kennen, ist es ein ganz anderes Gefühl, wenn man eine der Karten in den Händen hält.

Twitter: @editionkoller
Homepage: www.editionkoller.ch